![]() |

Psychiatrie 2001 - eine Photodokumentation
Diese Dokumentation ist Trauerarbeit. Sie soll unsere Gesellschaft nicht in Psychiatriegegner und Psychiatriebefürworter spalten, sondern ein Tabu unserer Gesellschaft brechen. Psychiatrie heute: Ein Beispiel gesellschaftlicher Hilflosigkeit gegenüber menschlichen Problemen. Dargestellt werden muss hier aber leider kein modernes Bild der Psychiatrie und der Pharmaindustrie auf Hochglanzpapier, sondern die oft anzutreffende Pathologie der institutionalisierten Psychiatrie. Das Schweigen spaltet uns erst recht, die Sprache ist das erste Mittel zur Kommunikation.
In Gedenken an
Stephan Kerres
* 3. Dezember 1956
+ 18. Dezember 2001

Stephan: Der ehrlichste und lebensfroheste Freund, den ich gehabt habe.

Stephan unternahm viel mit uns, hier mit meiner Freundin an der niederländischen Küste in Veere.
Stephan Kerres: Geschäftsführer von 3 Aachener Buchhandlungen. Kein eiskalter Managertyp. Aber der Einzige der 3 Kinder, die die Buchhandlung übernehmen möchten.

Das eiskalte Geschäftsleben überfordert Stephan. Insgesamt ist er 11 Mal in psychiatrischer Behandlung, ohne dass ihm richtig geholfen werden kann. Psychiatrie heute leider zu oft: PsychKG (psychiatrisches Krankgengesetz, d.h. richterliche Einweisung) und starke Psychopharmaka, das Personal minimal besetzt und total überfordert. Stephan entscheidet sich im Herbst 2001, die Medikamente abzusetzen, da er eine neue Freundin gefunden hat. Neuroleptika machen extrem gefühlsarm und auf Dauer impotent, das Leben wird zur regelrechten tagtäglichen Qual. Stephan nahm u.a. Zyprexa, ein "modernes" Medikament. Die Liebe endet dramatisch, Stephan rafft sich aber auf, sein ambulanter Psychiater verschreibt ihm mehrere starke Neuroleptika. Als er in das Klinikum eingewiesen wird, verschreibt ihm der Assistentarzt dort nochmalig starke Neuroleptika.

Nach der Medikamentengabe wird Stephan von den Pflegern unbeobachtet allein gelassen. Stephan erleidet einen Herzstillstand. Erst nach 15-20 Minuten erkennt das Pflegepersonal auf der psychiatrischen Intensivstation die Situation und leitet Wiederbelebungsversuche ein. Bild: Die Eingangspforte zur Intensivstation.

Stephan fällt in ein tiefes Koma. Der ehemalige Chefarzt des Klinikums sagt einem meiner Freunde telefonisch, dass Stephan grosses "Pech" hatte, dies träte nur 1 Mal in Millionen von Fällen auf. Ausserdem äussert er sich skeptisch zu Stephans Situation: "Wenn er in den nächsten 2 Wochen nicht aufwacht, stehen die Chancen bei Null. Und sollte er aus dem Koma erwachen, so ist mit sehr starken geistigen Schäden zu rechen: Totalbehinderung."

Stephan bleibt insgesamt 9 Monate im Koma. Er erleidet eine Lungenblutung und wird nicht länger künstlich am Leben gehalten. 9 Monate im pathologischen psychotischem Dauerzustand? Auf jeden Fall 9 Monate ohne Medikamente, da der Tod sonst ganz sicher eintreten würde. Moderne Mediziner als verarschende Folterknechte?

45 Jahre alt wurde Stephan, er starb einen sinnlosen Tod. In diesem Fall hat die Psychiatrie nicht geholfen.

Endstation: Stephan eingeäschert. Medizinsche Akten auch? Die Familie Stephans möchte morbiderweise keine Streit.

Am Grab zum letzten Gebet. In den folgenden Monaten ergeht es 2 Freunden Stephans psychisch schlecht, sie werden mit dem Abschied nicht fertig und laden nochmalig in Behandlung.

Genau in der Bildmitte als Hindergrund: Das Klinikum. Hier stellvertretend für unsere technokratische Gesellschaft.

Ein Zeichen der Hoffnung: Jeder heftet ein Papierblatt mit einer persönlichen Erinnerungsschrift zum Gedenken an Stephan.

Eine extrem tragische Geschichte: Auf dem Grab der Familie Kerres stehen 3 Namen, die seiner Eltern und der Name seines Bruders Martin, der sich 1996 von einem Turm stürzte. Sein Bruder hat zu diesem Zeitpunkt das erste Mal die Psychiatrie als Patient erlebt und bei seinem ersten Ausgang beging er diese Tat. Die verbliebene Schwester Stephans möchte in beiden Fällen keine Anklage. Die Angehörigen wollen auf keinen Fall an die Öffentlichkeit. Ich respektiere diesen Standpunkt, aber entschliesse mich, diese Webseite zu gestalten.
Der Pfarrer bemerkte: "Stephan war des Lebens müde". Nein, Stephan war lebenslustig.
Der zweite Pfarrer meinte: Die Familie sei wohl irgendwie "krank". Nein, die heutige Psychiatrie macht oft alles noch schlimmer.
"Wer sich erst gar nicht wehrt, der lebt verkehrt - oder eben gar nicht mehr..." Stephan und sein Bruder wussten sich nicht richtig zu schützen und gerieten unter die Räder unserer Gesellschaft.
Adieu, Martin & Stephan.